Wir haben nachgefragt...

Wir sprechen regelmäßig mit interessanten Personen, greifen aktuelle Themen auf und gehen der Sache auf den Grund. Die Ergebnisse gibt es auf unserer Interview-Seite. 

 

Nicht alle wollen in den Süden - Das komplette Interview

Immo Vollmer, Dipl. Biologe und Naturschutzreferent der Naturschutzinitiative e.V. (NI) zum Thema „Klima bedingte Änderung des Zugverhaltens und Eutrophierung von Gewässern“: 

 

Über ein verändertes Zugverhalten wurde schon einiges geschrieben. Es gibt dazu aber keine einfachen Aussagen und schon gar nicht die Aussage, dass in Folge des Klimawandels der Vogelzug wesentlich gestört wird. 

 

Die klimatischen Änderungen (ob von bedingter Dauer oder andauernd) ziehen bei den Vogelarten die eine oder andere Reaktion hervor, die aber ebenso von anderen Effekten wieder überlagert wird. In der Regel können klimatische Änderungen bei gut wanderfähigen Arten (wie Vögel) eine Verschiebung der besiedelten Areale nach sich ziehen. So konnte z.B. aufgrund des Vergleiches der europäischen Brutvogelverbreitung zwischen grob 1990 und 2020 gezeigt werden, dass es bei vielen Arten im statistischen Mittel eine Arealausweitung von 1 km pro Jahr nach Norden gegeben hat. Allerdings ist diese Entwicklung nicht gleichgerichtet, da die Veränderungen der Landnutzung (in Europa v.a. durch eine immer intensiver werdende Landwirtschaft und die damit meist versiegende Nahrungsquelle (Thematik Insektensterben) die Arealänderungen noch stärker beeinflusste. Es ist also nicht alleine der Gunst- oder Ungunstfaktor Wärme, der den Aufenthaltsort der Vögel bestimmt. Viel mehr sind es die Faktoren ausreichende Nahrung sowie Brut- und Deckungsmöglichkeiten. Und letzteres schädigt der Mensch viel stärker durch eine veränderte Landnutzung als dass die Umgebungstemperatur darauf Einfluss nimmt. Wärme müsste eigentlich eine besonders gute Entwicklung der Insekten zur Folge haben. Leider ist das Gegenteil der Fall durch Habitatvernichtung und übermäßigen Gebrauch und Eintrag von Insektenvernichtungsmitteln sowie anderen Bioziden.

 

Arealänderungen und Zugverhalten stehen in gewissen Zusammenhang. Aus dem Vorgenannten ist zum ersten herzuleiten, dass man zu vorschnell und fehlerhaft argumentiert, wenn man Änderungen alleine dem Klimawandel unterschieben möchte (Details zu Arealänderungen u.a. im aktuellen Bericht von T. Krumenacker in „Der Falke“ 2021, Ausgabe Januar)

 

Änderungen im Zugverhalten geschehen auch nie plötzlich. Der Großteil einer Population hält stärker an den erlernten oder angeborenen Verhaltensweisen fest, während ein kleinerer Teil mehr ausprobiert. Dazu gehört auch das längere Verweilen in den Brutarealen oder dass nur ein verkürzter Zug ausgeführt wird. Der Faktor Auslese beeinflusst letztendlich die weitere Entwicklung. Das Verhalten das erfolgreicher ist, setzt sich auf lange Sicht durch. Die Beobachtung eines veränderten Zugverhaltens betrifft v.a. Mittelstreckenzieher wie z.B. Kranich oder Rotmian sowie Kurzstreckenzieher wie z.B. viele heimische Gewässervögel (Stockente, Zwergtaucher, Haubentaucher etc.). Langstreckenzieher, wie viele Limikolen („Watvögel“), Kuckuck, Pirol oder Störche, die jenseits des Äquators ziehen, zeigen oftmals eine geringere oder höchstens stark verzögerte Reaktion. Deshalb wird z.B. beim Pirol auch vermutet, dass er nicht mehr zur optimalen Entfaltung seiner bevorzugten Nahrung und der Kuckuck nicht mehr zum optimalen Brutbeginn seiner Wirtsarten ankommt. Wahrscheinlich steht dahinter aber auch überwiegend das menschengemachte Insektensterben, denn die Ernährung dieser Arten und die der Wirtsarten beruht überwiegend auf Insekten.

 

Woher der Verdacht der Verunreinigung der Gewässer kommt, ist uns nicht bekannt. In jedem Fall ist dieser These kein Gewicht beizumessen. Die vereinzelt oder in kleineren Trupps ziehenden Watvögel oder unsere heimischen Wasservögel, die sich an größeren Gewässern konzentrieren, verursachen keine erheblichen Eutrophierungen.  Der natürliche Vogelzug ist Teil unserer Ökosysteme und zieht keine Probleme nach sich.

 

Nordische Gänse, die sich in der Zugzeit teils zu größeren Trupps zusammenfinden, verweilen v.a. an der Küste und im angrenzenden Tiefland. Sie kommen bei uns im Rheinland nur in verringerter Dichte bis in die Kölner Bucht vor. Und auch dort sind lediglich Übernachtungsgemeinschaften auf großflächigen Gewässern zu beobachten, die sich mit Anbruch des Tages schnell wieder auf Wiesen und Ackerflächen als Nahrungshabitat verlagern. 

 

Der Verkotungseffekt ist bei einem Übernachtungsvorgang nicht als hoch einzuschätzen. Zusammen mit den sich an größeren Gewässern ebenfalls konzentrierenden Kurzstreckenziehern unter den heimischen Wasservögeln, gibt es schon eine gewisse Anreicherung an Nährstoffen im Gewässer. Dieser ggf. etwas höhere Eintrag ist aber zeitlich befristet. Nach Ende des Winters, wenn auch die Rastvögel abziehen, verarbeitet das Ökosystem „See“ die eingetragenen Nährstoffe in Form von Pflanzen- und Kleintierentwicklung. Das ist ein natürlicher Vorgang. Den Vogelkonzentrationen zur Zugzeit werden unseres Wissens keine „umkippenden“ Gewässer zur Last gelegt. 

 

Bedenkliche Nährstoffkonzentrationen können eher an kleineren Weihern und Teichen beobachtet werden, die sich aufgrund Ihres geringen Volumens schlechter regenerieren können. Sie sind aber in der Regel kein Ort für größere Zugvogelgemeinschaften, da diese u.a. auf eine hohe Fluchtdistanz und damit ein größeres Gewässer Wert legen. 

 

Was hingegen oft beobachtet wird, sind mehr oder weniger größere Zusammenballungen von neozoischen Gänsen wie Kanadagans, Nilgans aber auch die nach Aussiedlungsprogrammen positiv sich im Bestand entwickelten heimischen Graugänse. Anders als die nordischen Verwandten zeigen diese hier brütenden Gänse aber das Verhalten von Kurzstreckenziehern. Hierbei konzentrieren sich in der Region brütende Tiere sich auf bestimmte Gewässer und ihrem Umfeld, die Sicherheit und ggf. Nahrungsreichtum bieten. Wenn diese Ansammlungen sich im Sommer nicht erheblich reduzieren (z.B. wo an Parkteichen zugefüttert wird), können kleinere Gewässer durchaus Probleme mit dem Abbau der Nährstoffe haben, die dann stark eutrophieren und in der Folge in heißen Sommern sogar umkippen können. Das sind dann aber keine Effekte des Vogelzuges.

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